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Im Alter nicht allein: Überalterung in Europa und weltweit

Die Baby-Boom Generation kommt ins Rentenalter: Europa macht sich nun auf die sozialen und wirtschaftlichen Folgen gefasst, die die Alterung großer Bevölkerungsteile auslösen wird.


Im Alter nicht allein: Überalterung in Europa und weltweit

Eine Rentnerin sitzt auf einer Bank in einem Park in Deutschland. Deutschland ist eines der Länder, in der der Anteil älterer Menschen am höchsten ist. (Foto: Reuters)

 

Manche halten es für ein Zeichen von Erfolg: Durch den Fortschritt in der Medizin, der Gesundheitspflege und der landwirtschaftlichen Produktion ist die Lebenserwartung weltweit gestiegen.

 

Zusammen mit sinkenden Geburtenraten verursacht das den sogenannten Demografischen Wandel – die allmähliche Veränderung von hohen zu niedrigen Geburten- und Sterblichkeitsraten.

 

Eine der größten Folgen dieses Wandels ist die Überalterung der Bevölkerung. In Europa sind sowohl die Sterblichkeits- als auch die Geburtenrate seit dem 19. Jahrhundert gesunken. Seit den 1960er Jahren hat die Geburtenrate allerdings noch dramatischer abgenommen.

 

Europa hat so viele ältere Menschen und so wenige Neugeborene, dass die Sterblichkeitsrate wieder gestiegen ist und ihr Niveau dem mancher Entwicklungsländer gleicht.

 

Heute liegen 19 der 20 „ältesten“ Länder in Europa. Das sind diejenigen mit dem höchsten Bevölkerungsanteil im Alter von 65 Jahren oder mehr. Daran gemessen ist Italien das älteste Land der Welt: Mehr als 19 Prozent der Bevölkerung sind dort alt. Bis zum Jahr 2030 werden es 28 Prozent sein, so die Prognose.

 

Obwohl die hervorstechendsten Beispiele für Überalterung in Europa und Japan zu finden sind, handelt es sich um einen weltweiten Trend. Auch das Durchschnittsalter in anderen Teilen der Welt – besonders in Asien und Lateinamerika – nimmt langsam zu. In China werden die sinkenden Geburtenraten dazu führen, dass die Zahl der Alten von 88 Millionen auf 349 Millionen bis zum Jahr 2050 steigen wird.


Im Alter nicht allein: Überalterung in Europa und weltweit

Ein älterer Mann in China liest die Zeitung durch eine Scheibe. Bis zum Jahr 2050 könnte die Anzahl älterer Menschen in China auf 349 Millionen anwachsen. (Foto: Reuters)

 

 

„Der Westen ist in den letzten 150 Jahren allmählich gealtert“, sagt David Phillips vom Asia-Pacific Institute für Altersforschung (APIAS) an der Lingnan Universität in Hongkong. „Die Veränderungen im Asia-Pazifik Raum, besonders in ostasiatischen Ländern, entstanden hauptsächlich in den letzten 30 bis 40 Jahren.“

 

Im Mittleren Osten und Afrika wird sich der Demografische Wandel viel langsamer vollziehen. Besonders in den subsaharischen Ländern Afrikas, wo hohe Geburtenraten den prozentualen Anteil der Alten noch in den kommenden Dekaden unter vier Prozent halten werden.

 

Trotzdem erwarten die Vereinten Nationen, dass die Mehrheit der Menschen im Alter von 65 Jahren oder mehr bis zum Jahr 2050 in den Staaten leben wird, die wir heute „Entwicklungsländer“ nennen.

 

Langes Leben – große Wirkung

Die Überalterung wird heutige und zukünftige Regierungen vor eine Reihe von Herausforderungen stellen. Eine davon wird sein, die Renten- und Versicherungssysteme auch dann zu erhalten, wenn eine zunehmende Anzahl von Menschen das Rentenalter erreicht und länger lebt, um es zu genießen.

 

„In den kommenden Jahrzehnten werden viele Kräfte unsere Wirtschaft und unsere Gesellschaft formen“, sagt Ben Bernanke, Präsident der US-amerikanischen Notenbank. „Aber allem Anschein nach wird keiner dieser Faktoren so tiefgreifende Auswirkungen haben wie die Überalterung unserer Bevölkerung.“

 

Wie viele andere Länder müssen die USA zusehen, wie sich die Generation Baby-Boom bereit macht, in Rente zu gehen und ihre ersten Sozialversicherungsschecks einlöst.

 

„Das Bild vom ‚Schwein in der Python’ wird oft verwendet, um die Effekte dieser Generation auf die amerikanische Demografie zu beschreiben, doch es ist irreführend“, sagt Bernanke. „Statt dessen ist zu erwarten, dass die Bevölkerung der USA in den nächsten Dekaden fortschreitend altert und das wird so auch bleiben, wenn die Baby-Boom Generation aus dem Bild verschwunden ist.“

 

In Japan ist die Situation noch akuter, denn bis zum Jahr 2015 wird dort eine von vier Personen alt sein. Diese demografische Veränderung zwingt japanische Politiker und Unternehmen, die konventionellen Renten- und Gesundheitssysteme und das gesetzliche Renteneintrittsalter zu überdenken.

 

Sinkende Geburtenraten werden die japanische Bevölkerung bis zur Mitte des Jahrhunderts auf schätzungsweise 95 Millionen Menschen schrumpfen lassen – heute sind es noch 128 Millionen. Das wird den Arbeits- und Wohnungsmarkt ebenso beeinflussen wie den Markt für Konsumgüter.


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Langes Leben – neue Pläne

„Längere Lebensdauer ist kein Problem: Es ist die Glanzleistung der modernen Zivilisation“, schreibt James Vaupel, Direktor des Max-Planck-Instituts für demografische Forschung. „Längere Lebensdauer verlangt allerdings nach radikalen Veränderungen der Rentenpolitik und der Sozialprogramme. Und ein langes Leben verlangt von jedem Einzelnen, darüber nachzudenken, wie er es verbringen will.“

 

Vor allem das Renteneintrittsalter werde vermutlich erhöht, womit man in Italien und Deutschland bereits begonnen hat. Eine höhere Lebenserwartung könne eine beträchtliche Neustrukturierung der Gesellschaft und der Lebensplanung bedeuten.

 

In Deutschland, wo die Lebenserwartung bis 2050 auf 90 Jahre steigen werde, sollten die Menschen ihre Berufstätigkeit auf einen längeren Zeitraum verteilen können, schlägt Vaupel vor, sogar bis in die hohen 70er. Teilzeitarbeit könne dabei mehr Zeit für Kinder, Ausbildung und Freizeit in jüngeren Jahren gewährleisten.

 

Ein sensibles aber zentrales politisches Thema für die wachsende Zahl der älteren Wähler ist die Anpassung der gesetzlichen Renten und Gesundheitssysteme angesichts der zunehmend älter werdenden Bevölkerung. Viele ältere Menschen glauben nicht, dass das staatliche System ohne Reformen noch lange überdauern kann.

 

Doch weil die Menschen weniger Kinder haben, erwarten Demografen, dass es auch weniger potentielle Versorger geben wird, besonders für Familienmitglieder. In Europa, Nordamerika und auch in Asien nimmt die Zahl der allein lebenden alten Leute zu, besonders unter den Frauen.

 

Immer mehr ältere Menschen leben bis ins hohe Alter weiterhin zu Hause und in ihren Gemeinden. Für sie muss eine entsprechende medizinische und soziale Versorgung gewährleistet sein.

 

Die Unterbringung alleinstehender alter Leute wird Milliardeninvestitionen erfordern, um Privathaushalte und öffentliche Räume altengerecht auszustatten und zu renovieren. Wieder einmal könnte Europa zur Avantgarde der globalen Veränderungen werden.

 

Wenn der alte Kontinent die Herausforderung meistert, vor der er durch die Überalterung steht, wäre die hohe Lebenserwartung in der Tat die Glanzleistung der Zivilisation. Wenn nicht, könnte sie der Vorbote des Niedergangs sein.

 

Autor: Valdis Wish

Veröffentlicht am: 14. April 2009

 
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