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Atomenergie: Totgesagte leben länger

In den 1970er und 1980er Jahren verzeichnete die Atomindustrie dreistellige Zuwachsraten. Nach einer Reihe schwerer Unfälle war sie fast am Ende - jetzt feiert die Kernkraft ihr Comeback. Grund dafür sind hohe Öl- und Gaspreise und die Klimaerwärmung.


Atomenergie: Totgesagte leben länger

Das Kernkraftwerk Philippsburg

Das Kernkraftwerk Philippsburg in der Nähe von Karlsruhe wurde in den 70er Jahren erbaut. Gemäß dem Atomausstiegsbeschluss ist die Abschaltung des ersten Blocks für 2011 vorgesehen, der zweite Block soll 2017 abgeschaltet werden. (Foto: Reuters)

 

Weltweite Bedeutung

Nichts setzt solch gewaltige Energiemengen frei wie die Kernspaltung. Trotzdem produzieren 439 Kernreaktoren weltweit lediglich sechs Prozent der jährlich benötigten Energie, das entspricht etwa 12 bis 15 Prozent unseres Strombedarfs.

 

Grund dafür sind nicht etwa fehlende Rohstoffe, ineffiziente Technik oder geopolitische Probleme. Das Wachstum wird vor allem gehemmt durch die Angst vor den Gefahren der Kernenergie. 1986 kam es in der Ukraine im Atomkraftwerk von Tschernobyl zu einem katastrophalen Unfall, bei dem der Reaktorkern schmolz. Das bescherte der Anti-Atomkraftbewegung in Europa erheblichen politischen Einfluss.

 

1979 hatte ein weniger verheerender Zwischenfall im Reaktor von Three Mile Island in Pennsylvania zu einer ähnlichen Situation in Nordamerika geführt. Beide Unfälle änderten die Haltung gegenüber der Kernkraft erheblich, der Ausbau der Atomindustrie kam fast zum Erliegen. Negativ wirkte sich auch die ungelöste Frage der Endlagerung atomaren Restmülls aus.

 

Viele ärmere Länder verzichten schlicht auf Kernkraft, da sie den Reaktorbau nicht finanzieren können. Auch ist die Technik kompliziert. Exportverbote für spaltbares Material, das sowohl für Kernkraftwerke als auch für Atomwaffen verwendet werden kann, kommen erschwerend hinzu.

 

Auch wohlhabende europäische Länder wie die Schweiz oder die Niederlande erforschen andere Möglichkeiten der Energiegewinnung. Obwohl die Schweiz im Jahr 2007 noch ca. 40 Prozent ihres Stroms aus Kernkraft gewann, greift das Land nun zunehmend auch auf umweltfreundliche und günstige Wasserkraft zurück.

 

Die Niederlande nutzen Windenergie und fossile Brennstoffe. Deutschland und Großbritannien sind von Kernenergie abhängig, haben aber seit Jahrzehnten keine neuen Kraftwerke gebaut.

 

In Schwellenländern wie China und Indien, die stark auf Kohle setzen, spielt die Atomenergie nur eine untergeordnete Rolle. Der Spitzenreiter ist Frankreich: Das Land deckt fast 80 Prozent seines Strombedarfs durch Kernkraft. Strom aus französischen Kernkraftwerken wird in europäische Nachbarländer exportiert. Der französische Energiekonzern Areva ist Weltmarktführer beim Bau von Atomkraftwerken.  

 

Ausblick

Viele Länder haben nach jahrelanger Zurückhaltung angekündigt, wieder neue Atomkraftwerke zu bauen. Derzeit sind 30 Reaktoren im Bau, einer davon in Finnland: damit wird seit 15 Jahren erstmals wieder ein Atommeiler in Europa gebaut. Die amerikanische Atomaufsicht erwartet gleich ein Dutzend Anträge für den Bau neuer Anlagen, nachdem 30 Jahre lang nicht ein einziger Antrag gestellt worden war.

 

Auch in Asien steigt der Bedarf. Sowohl China als auch Indien leiden an Energiemangel und planen mehrere Reaktoren. Sie wollen in den kommenden 15 Jahren die Atomstrom-Menge um ein Vielfaches erhöhen.

 

Nach Schätzungen der Internationalen Energieagentur (IEA) wird der Kernenergie-Anteil bis 2030 auf mindestens 13 Prozent steigen. Sollte eine Steuer auf CO2-Emissionen eingeführt werden, könnten der Anteil auf bis zu 40 Prozent steigen. Areva etwa rechnet damit, dass bis 2030 weltweit rund 130 neue Atommeiler gebaut werden.


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Die Energie-Olympiade

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Trotzdem wird der Kernenergieanteil in vielen Ländern vermutlich nach und nach sinken. Ein Großteil der bestehenden Anlagen wurde in den 1960ern und 1970ern gebaut und muss bald stillgelegt werden. Es sind zwar viele neue Atomkraftwerke geplant, ihre Fertigstellung aber dauert oft Jahrzehnte. Dass Kernenergie überhaupt wieder interessant wird, liegt an den hohen Preisen für andere Energieträger wie Kohle und Erdgas.

 

Die Preise für Kernbrennstoff unterliegen zwar auch Schwankungen, der Anteil an den Betriebskosten ist aber relativ gering. Kernenergie ist derzeit billiger als Erdgas und fast so billig wie Kohle, so die IEA.  

 

Reserven und Förderländer

Es gibt zwei verschiedene Kernbrennstoffe: Uran und Plutonium. Welcher davon verwendet wird, hängt vom Reaktortyp ab. Herkömmliche Reaktoren verwenden Uran, nur ein Prozent des weltweit geförderten Urans eignet sich aber ohne Anreicherung für die Kernspaltung.

 

Sogenannte „Schnelle Brüter“ hingegen können nicht-spaltfähiges Uran in angereichertes Plutonium umwandeln, das als Kernbrennstoff dient. Auf diese Art wird zwar weniger Rohstoff benötigt, trotzdem produzieren Brutreaktoren weltweit weniger als ein Prozent des Atomstroms. Sie sind schwieriger zu betreiben und stellen ein höheres Umweltrisiko dar. Brutreaktoren sind auch deshalb ein Problem, weil Plutonium für atomare Waffen verwendet werden kann.

 

Uran aber bietet einen wichtigen Vorteil gegenüber fossilen Brennstoffen. Während sich der größte Teil der noch vorhandenen Öl- und Erdgasreserven in Ländern befindet, die nicht demokratisch regiert werden, wird Uran in politisch stabilen Ländern wie Kanada und Australien abgebaut. Allein diese beiden Staaten verfügen über 15 beziehungsweise 27 Prozent der weltweiten Uranvorkommen.

 

Bleibt die Nachfrage nach Uran auf dem derzeitigen Niveau, reichen die weltweiten Reserven – etwa 4,7 Millionen Tonnen – ungefähr für 70 Jahre, so die australische Uranium Association (AUA), ein Zusammenschluss von Unternehmen, die Uran abbauen und exportieren. Würde sich der Preis für Uran verdoppeln, könnten sich die verfügbaren Ressourcen, nach Einschätzung der AUA, um das Zehnfache erhöhen.


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Anders als Gas oder Erdöl können Kernbrennstoffe aber mehrmals verwendet werden, wenn sie spezielle Wiederaufbereitungsanlagen durchlaufen. Auch vereinbarten die USA und Russland nach dem Ende des Kalten Krieges, Tausende von Atomsprengköpfen abzurüsten.

 

Aus dem hoch angereicherte Uran dieser Sprengköpfe können große Mengen Kernbrennstoff hergestellt werden. Nach Schätzungen der AUA werden derzeit etwa zehn Prozent aller Atomreaktoren mit Uran aus alten Atomsprengköpfe betrieben.

 

Ökologische Rückschläge

In Sachen Umwelt ist Atomenergie ein zweischneidiges Schwert. Zwar stoßen Kernkraftwerke kaum Abgase und Kohlendioxid aus, bergen aber die Gefahr einer Kernschmelze. Die Weltgesundheitsorganisation schätzt, dass als Folge der Katastrophe von Tschernobyl über 400 Menschen starben. Teile Weißrusslands, der Ukraine und Russlands wurden radioaktiv verseucht.

 

In einem modernen Kernkraftwerk könne sich eine solche Katastrophe niemals ereignen, behaupten Betreiber in Europa und Nordamerika. Dennoch war Tschernobyl der Wendepunkt, der den Niedergang der Kernkraft einläutete. Ein weiteres Problem ist die Lagerung des radioaktiven Abfalls.

 

Da Uran eine extrem lange Halbwertszeit hat, strahlen verbrauchte Brennstäbe mehrere Millionen Jahre lang Radioaktivität ab. Ursprünglich war vorgesehen, radioaktiven Abfall in stillgelegten Salzbergwerken oder in festem Felsgestein zu lagern. Bisher scheiterte der Bau solcher Endlager weltweit am Widerstand der Bevölkerung.

 

Seit die Angst vor der Klimaerwärmung wächst, kann die Kernkraft wieder punkten. Im Gegensatz zu Kraftwerken, die mit Öl oder Gas betrieben werden, stoßen Atomkraftwerke so gut wie keine klimaschädigenden Treibhausgase aus.

 

Umweltschützer widersprechen hier und verweisen auf die Energie, die für Uranabbau und -anreicherung benötigt wird. Die Befürworter der Kernenergie argumentieren hingegen, dass eine dauerhafte Reduzierung des CO2-Ausstoßes ohne die Kernenergie nicht möglich sein wird.

 

Autor: Thilo Kunzemann

Veröffentlicht am: 14. April 2009

 
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