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Schweiz Klimawandel-Profil: Interview

Nirgends lassen sich die Folgen des Klimawandels so deutlich erkennen wie an den rapide schmelzenden Alpengletschern. Der Schweizer Klimaforscher Martin Beniston erklärt die Auswirkungen der Gletscherschmelze.


Schweiz Klimawandel-Profil: Interview

Martin Beniston

Martin Beniston, Schweizer Klimaforscher (Foto: Beniston)

 

Sie befassen sich seit mehreren Jahrzehnten mit dem Klimawandel. Was hat sich im öffentlichen Bewusstsein der Schweizer geändert?

Immer mehr Leute ändern ihre Gewohnheiten. Nehmen Sie zum Beispiel den Genfer Autosalon. Hybridfahrzeuge und sogar Elektroautos erhalten inzwischen viel mehr Beachtung.

 

Trotzdem stammt mehr als die Hälfte unserer CO2-Emissionen von Fahrzeugen – hier muss noch viel getan werden. Die meisten Umweltthemen werden ganz sachlich angegangen. Wenn es aber um Tempolimits geht oder um die Zahl der großen Allrad-SUVs, dann regt sich eine Menge Widerstand.

 

Aber die Schweiz gilt doch als Musterbeispiel in Sachen Umweltschutz. Wie passt das zusammen?

Ja, das ist wirklich paradox. Viele Schweizer fahren mit dem Zug und dennoch: Schaut man auf die Anzahl der Autos pro Einwohner, dann stehen wir weltweit auf dem dritten Platz – etwa gleichauf mit den Vereinigten Staaten. Auf 1.000 Einwohner kommen zwischen 600 und 700 Autos.

 

Bedenkt man, dass wir eines der besten öffentlichen Verkehrsnetze weltweit haben, ist das eine ganze Menge. Das eigene Auto steht einfach noch immer für Freiheit und Ungebundenheit. Es ist ziemlich schwierig, dagegen anzukommen.

 

Wie sieht die CO2-Bilanz der Schweiz aus?

Pro Kopf erzeugen wir etwa sechs Tonnen Kohlendioxid pro Jahr. Schätzungsweise die Hälfte davon wird durch den Verkehr verursacht. Der andere Teil entfällt auf das Heizen oder Klimatisieren von Gebäuden – genau hier könnte noch viel getan werden. In dieser Hinsicht liegt die Schweiz hinter den skandinavischen Ländern und Deutschland zurück.

 

Welche Chancen gibt es in der Schweiz für erneuerbare Energien und die effizientere Nutzung von Energie?

In der Schweiz wird der meiste Strom bereits mit Wasser- oder Kernkraft produziert. Geheizt wird allerdings oft mit Öl. Durch neue Heiz- und Klimaanlagen und bessere Wärmedämmung könnte unser Energieverbrauch halbiert werden. Die Windkraft könnte noch ausgebaut werden. Sie nicht ansatzweise so weit entwickelt wie in den Küstenregionen Deutschlands oder Dänemarks.

 

In der Schweiz gibt es einfach nicht genug Wind: Die durchschnittliche Windgeschwindigkeit liegt bei zwei Metern pro Sekunde – das ist wirklich wenig. Auch sind manche Naturschützer und Bürger der Meinung, dass die Windturbinen die Landschaft verschandeln.

 

Biokraftstoffe stehen nicht mehr so hoch im Kurs wie noch vor einigen Jahren. Das liegt vor allem am Konflikt zwischen dem Anbau von Nahrungsmittel und dem Anbau von Pflanzen für Biokraftstoffe – beide benötigen Ackerflächen. Gute Aussichten hat die Solarenergie: Vor allem die Warmwasserbereitung mittels Sonnenkollektoren könnte ausgebaut werden.


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Die Alpen scheinen von der Klimaerwärmung stärker betroffen zu sein. Warum eigentlich? 

Das hat mit dem Rückgang der Schnee- und Eisflächen zu tun. Diese Entwicklung hält bereits einige Jahrzehnte an und hat zu einer Rückkopplung geführt: Mehr schneefreie Flächen absorbieren auch mehr Sonnenlicht; schneebedeckte Flächen hingegen reflektieren die Strahlen und verringern die Erwärmung.

 

Ein weiterer Grund ist eine Verschiebung der Wetterlagen, speziell in den vergangenen 25 Jahren. Immer öfter kommen jetzt Luftströmungen aus dem Atlantik und vom Mittelmeer. Mit ihnen gelangt über längere Zeiträume milde Luft in die Alpenregion.

 

Welche Folgen wird der Klimawandel für die Schweiz und andere Alpenländer möglicherweise haben?

Am offensichtlichsten ist natürlich der Rückzug der Gletscher. Vielerorts sind Markierungen zu sehen, die zeigen, wie weit der Gletscher früher reichte. Das macht deutlich, wie schnell der Rückzug vonstatten geht. Durch diese Veränderungen ist auch die Gefahr größer, dass es zu Naturkatastrophen wie Bergrutschen und Überschwemmungen kommt.

 

Andere Folgen wieder sind nicht so direkt ersichtlich. Um zu erkennen, dass extreme Naturereignisse wie Hochwasser oder Hitzewellen öfter auftreten als in der Vergangenheit, braucht man statistische Daten. In 50 Jahren wird es ganz sicher weniger Eisflächen und Gletscher geben.

 

Flüsse wie Rhein und Rhône werden im Sommer und Herbst vermutlich weniger Wasser führen, im Frühjahr dafür um so mehr. Das wird sich negative auf unsere Wasserkraftwerke auswirken. Wärmeres Flusswasserwährend einer Hitzewelle kann auch die Kühlsysteme von Atomkraftwerken und Industrieanlagen zum Erliegen bringen.

 

Wie wirkt sich die Klimaerwärmung auf die Artenvielfalt der Alpen aus?

Pflanzen und Tiere werden in höhere Lagen ausweichen, wo die Bedingungen in etwa denen entsprechen, die heute in tieferen Regionen herrschen. Pflanzen, die jetzt schon in Gipfelnähe wachsen, können bei zunehmenden Temperaturen nirgendwohin ausweichen – die Artenvielfalt wird abnehmen. 

 

Pflanzen und Wälder hätten eine Chance sich anzupassen, wenn sich der Klimawandel langsamer vollziehen würde. Die Prognosen lassen aber einen abrupten Wandel vermuten, schneller als alle natürlichen Veränderungen der Vergangenheit. 

 

Wird sich der Klimawandel negativ auf den Tourismus in der Schweiz auswirken?

Vor einigen Jahren ergaben Untersuchungen, dass ein bis drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts davon betroffen sein werden. Der große Verlierer wird der Wintersport sein. Das wird besonders die Urlaubsorte in niedrigeren Berglagen treffen. Dort wird es künftig mehr regnen und weniger schneien.

 

Der Gewinner könnte der Sommertourismus sein, da es in den Alpen kühler ist als in den flachen Regionen Europas. Aber es ist unwahrscheinlich, dass dadurch die Verluste beim Wintertourismus ausgeglichen werden. Die Infrastruktur für den Skilauf und andere Wintersportarten ist einfach aufwendiger als für Wandern oder Radfahren.


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Gibt es Bereiche des öffentlichen Lebens oder der Wirtschaft, die vom wärmeren Klima profitieren?

Für die Landwirtschaft könnte die Wärme besser sein – immer vorausgesetzt, es gibt genug Wasser für das Pflanzenwachstum. Die Hitzewellen, die oft große Ernteschäden anrichten, könnten diesen Effekt aber wieder zunichte machen.  Die Wasserkraftwerke werden anfangs noch zu den Gewinnern zählen, da die Gletscherschmelze ihnen einen permanent hohen Wassernachschub sichert.

 

Später wird aber auch dieser Sektor leiden, wenn im Laufe des Jahrhunderts viele Gletscher ganz verschwunden sind. Das Heizen im Winter wird billiger – dafür entstehen im Sommer wahrscheinlich höhere Kosten für die Klimatisierung unserer Häuser.

 

Das Interview führte: Thilo Kunzemann

Veröffentlicht am: 24. April 2009

 
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